26
Apr
2006

Neues aus der Schublade

Als kleine Zückerchen, um die Wartezeit bis zur Lesung an den Solothurner Literaturtagen* zu überbrücken, hier zwei neue Texte: Gerne lade ich die geschätzen LeserInnen ein, mein Trenker-und-Riefenstahl-Lipogramm und einen Versuch in alltäglicherer Prosa (Für Schwester Ignata) zu kommentieren.

*Felix Epper wird lesen an den Solothurner Literaturtagen (voraussichtlich am Samstag, 27. Mai 2006 um 9.15 Uhr und zwar zusammen mit Bettina Spoerri und Karin Richner; Details folgen.) (Homepage der Solothurner Literaturtage)

Für Schwester Ignata... für Monique...

Ich habe alle diese alten Autos immer geliebt, besonders die Amerikaner – Onkel Dölf fuhr einen Chevi, was aber nichts zur Sache tut; gar nichts tut etwas zur Sache; am ehesten noch Onkel Dölf, ja; Gott hab uns seelig, aber selbst er tut nichts zur Sache – ansonsten kann ich nur noch in Unzusammenhängen denken, auf dem Bett sitzen und malen: immer am selben Bild mit meinen Wasserfarben – – – Im Paris des 18. Jahrhunderts haben sich die Strassenkehrer noch alle Mühe gegeben, die Vorbeiflanierenden mit ihrer Arbeit zu konfrontieren. Sie luden den Unrat so auf ihre Karren, dass die Passanten, ohne ausweichen zu können, mit dem ganzen Dreck bespritzt wurden. Wir sind gerne bei den Schlaglöchern, auch wenn nie ein Pferd vorbeikommt, die Nüstern bläht… Die Kinder und auch ich haben eine Vorliebe für Wörter wie Kotflügel. Sie machen uns das Auto in dieser pferdelosen Zeit liebenswert – – – und erst das Nachthemd in der Farbe «Piss-en-lit», das ich gekauft habe! Wenn ich das «Hemmli» in Übergrösse kaufe, ist’s so lang wie ein Nachthemd, langt mir bis über die Knie. Meine Freiheit: aus einem «Hemmli» ein Nachthemd machen. Das Erregende am Nachthemd: es kommt ohne Hosen aus, verhüllt, reizt, enthüllt nach Belieben. Gesetzt wir haben Gleichberechtigung und die Frauen männerfussgrosse Füsse und ich taste mich von diesen Füssen unter dem «piss-en-lit»-farbenen Nachthemd an aufwärts, wann erkenne ich das Geschlecht? Schwester Ignata, Religionslehrerin der dritten Primarklasse, zieht kein Nachthemd hoch, löst aber vielleicht die Träger und endlos fällt weicher Stoff auf die Füsse. Sie wird nicht verlegen, wenn sie uns das Wort Beschneidung erklärt, sie hat die bösen Worte solange im Mund gekaut, bis sie zart, weich und schmackhaft geworden sind. Ein zugespitzter Stein wurde benutzt, später ein Messer, sagt sie. Blut kommt vor in ihrer Rede, und kein Knabe fasst sich an… Aber zwei Jahre später verbannt der Lehrer die Zahl «sechs» aus dem Unterricht. Beim Rechnen zählen wir neu, aber Monique kauft am Kiosk sechs Gummibärli, sechs Cocifröschli und sechs Chätschgi. In einer Reihe stehen wir Buben und in jeden Mund schoppt Monique eine Süssigkeit. An solchen Tagen sitzen wir dann stundenlang an den Schlaglöchern, sagen Kotflügel, wünschen uns Pferde, nehme mit Amerikanerschlitten vorlieb, pissen in den Graben, wenn Monique zuschaut. Doch meist ist da nur Onkel Dölf, der seinen Chevi parkiert. Er ist nicht richtig im Kopf, sagen Lehrer, Väter, Mütter, Schwester Ignata. In den «Realien» unternimmt die Klasse Spaziergänge, der Lehrer pflückt einen Hahnenfuss, ein Buschwindröschen, einen Löwenzahn, – – – ein Heilkraut auch das. In der Nacht, denke ich, in der Nacht, wenn wir erwachsen sind, pflücken wir zwei einen Strauss Löwenzahn, Monique und ich, und brauen Tee. «Piss-en-lit», un drôle de nom pour une fleur, mais quand tu bois du thé, tu comprendras!» Doch der Lehrer sagt uns nur: «Die gesammelten Pflanzen pressen wir.» Und, wie um uns Mut zu machen, sagt er: «Jeder von euch stellt sein eigenes Herbarium zusammen», und ich stolpere von den dörflichen Wegen direkt ins Warenhaus, kaufe dort mein «Hemmli», nichts als Blumen und «Piss-en-lit» im Kopf und du, und es war mir, als wir am Waldrand standen, als ob ich deine Süsse riechen könnte, Zuckerzeug im Mund – – – und doch sitz ich nur vor diesem Kinderbild, Gelbes blüht am Wegesrand, und da sind Autos die um die Ecken brausen, beschwingt male ich ein paar Striche hier, einen Fleck da. «Das schwarze Gespenst», lacht Monique, «Schwester Ignata, der Pinguin»… nie, nie kann ich aufhören zu malen. Bin ich soweit, dass ich die schwarze Schwester Ignata aufs Blatt bringe, dann, – immer! – springt Monique aufs Bild, den Strauss «Piss-en-lit» in der Hand, hat mich gesehen, dann den Pinguin gesehen, dann auf die Strasse… Aber wir Kinder müssen sie doch lieben, die Autos lieben mit ihren Kotflügeln, lustig dieses Wort, lustig wie die «Piss-en-lit» in der Luft umherwirblen, aber so schwierig, das aufs Blatt zu bringen, so schwierig, Schwester Ignata gerecht zu werden, die sich über Monique beugt. Für eine Sekunde schliesse ich die Augen, wünsch’ mir ein weisses Blatt Papier, seh’ dann aber nur, dass ich verschwunden bin vom Bild und mit mir die zarten gelben Blumen. Und ich sitze da, kauere, die Füsse auf dem Nachthemd, die Wasserfarben sind eingetrocknet. Ich schreibe den Titel des Bildes hin: «Für Monique» und warte auf den Schlaf.

Bergfex Trenker vererbt der Heller zwe

Verse des Eff Wernerbert Epper, versendet den zehnten Merz.

Sehet hell des letzten Merzens Schnee: Trenker verendet, eh weh, eh weh! Wer ehret jetzt hehre Nebelmeere? Wer legt Schnecken echte Schneedecken? Wer wehrt den Dreckstecken? Versemerker Wernerbert vermeldet streng: Lene, wem vererbte Trenker, der Sperber, der Heller zwe? Wer erstrebte Ehr? Geld? Mehlbeer? Lene redt ned nett: «Trenker enterbte sene fremme Henne.»

Trenker denken

Eh! Er’s beqem* erlegte: den Eber, den Helden der Berge, des Begehrens Bengel, den brennenden Seelen-Meer-Besen. Schnepfen! Spechte! Esel! Schlecken weg den Speck. Der Berg¬fex belebte Gelenke – bedenke! Neckte, erweckte der Sterbenden elf. Eh… Jetzt selbst vergehendes, flehendes Nebel-Leben!

Helden enden etepetete

Der Berg gehet den Weg der Ehre. Gletscher-Schnee der Grenz’ entgegen endet. Ersehnte Lene – des Fehrers Ferkel – Tren¬kers Ehe-Bett? Der elend’ Schelm vererbt’ dem Wernerbert, der Heller zwe zwecks Verserei. Es brenne grell-hell der ferne Stern. Es brenne gern des Sperbers Herz – bergwerts!

*Das Q (i.e. qu) ist gemäss den Satzungen von „Oulipo“ erlaubt in Lipogrammen, in denen auf alle Vokale ausser dem E verzichtet wird.

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Lenin und Mainzelmännchen vor Heinrich Manns Essaysammlung "Geist und Tat.

lieber epper als niemert

... aber immer dialektisch !

Schliessen wir die Ohren vor dem Lärm der Welt - mit einem Augenzwinkern? Fragt man besser mit Lenin "was tun?" Liest du gar "Geist und Tat" von Heinrich Mann? Sönd all willkomm bei "Lieber Epper als niemert"!

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